„Das Leben ist verrückt“ – Ein Interview

05.12.2015

Auszüge eines Interviews mit Dr. Ruth Pfau im SPIEGEL-Wissen-Heft 5/2015 „Weniger ist mehr – Wege aus Überfluss und Überforderung“ vom 20.10.2015.

Titelbild

Wir freuen uns, Auszüge aus einem aktu­ellen Interview mit Dr. Ruth Pfau veröf­fent­lichen zu dürfen, das in Karachi geführt wurde.

»Weniger ist mehr« - in: SPIEGEL Wissen, Heft 5 / 2015

Quelle: SPIEGEL-WISSEN-Heft
„Weniger ist mehr – Wege aus Überfluss und Überforderung“ 
Ausgabe Nr. 5/ 2015, S. 34 ff., erschienen am 20.10.2015

 
 


SPIEGEL: Was ist das Eigentliche?

Pfau: Ich weiß es bis heute nicht. Man kann immer nur sagen, was es nicht ist.

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dem Eigentlichen wenigstens näher gekommen zu sein?

Pfau: Ich kann nur sagen, dass man es nie einfangen kann, so sehr man sich auch anstrengt. Statt für eine Ehe habe ich mich damals für den Orden entschieden. Es schien mir der verrücktere, aber sinn­vollere Weg. Es ist nicht immer ganz einfach. Gerade heute Morgen bei der Kommunion habe ich zu Gott gesagt: „Findest du nicht, dass du uns zu viel zumutest?“ Ich sage immer, dass die meisten Christen heute sich nur deshalb noch Christen nennen, weil sie nicht wissen, was das wirklich bedeutet. Dann würden sie wahr­scheinlich sofort austreten.

SPIEGEL: Was verstehen die Leute denn nicht daran?

Pfau: Was Liebe und Nächstenliebe wirklich heißt. Und Vergebung. Die Bereitschaft zu helfen. Nein, das Leben ist wirklich sehr, sehr kompli­ziert. Man kann verrückt werden, wenn man zu viel darüber nach­denkt

SPIEGEL: Hatten Sie jemals Angst, dem ganzen Elend gegenüber abzu­stumpfen?

Pfau: Nein. Für die ganz schlimmen Dinge habe ich meine escha­to­lo­gische Liste. Eschatologie bedeutet, Leid ertragen zu können, in der Gewissheit, dass Gott die Menschen einmal erlösen wird. Alles, was für mich zu unvor­stellbar grausam und völlig uner­klärlich ist, das kommt auf diese Liste. Auschwitz etwa oder das unfassbare Elend der Flüchtlinge nach der Spaltung Pakistans 1971. So viele Dinge über all die Jahre. Das Problem ist nur: Die Liste ist voll.

SPIEGEL: Lässt Sie das verzweifeln?

Pfau: Es macht mich traurig, ja, aber verzweifelt? Ich glaube nicht. Irgendwann geht einem auf, das Leben ist eben so. Man darf bloß nicht der Versuchung erliegen, nicht hinzu­schauen.

SPIEGEL: Sie haben in Pakistan etliche Orden und die Ehrenstaatsbürgerschaft bekommen, auch in Deutschland gab es viele Auszeichnungen. In Leipzig ist eine Schule nach Ihnen benannt. Kennen Sie das Gefühl des Stolzes?

Pfau: Ich glaube, das kenne ich nicht. Ich kenne Dankbarkeit und das Gefühl, erstaunt zu sein, wie alles gekommen ist. Aber ich bin nicht doof genug, um mir alles selbst zuzu­schreiben. Bei allem, was ich getan habe, war ich nie allein. Und es hätte ja auch alles ganz anders kommen können. Eine Bombe und aus. Ein falscher Tritt in den Bergen von Azad Kaschmir. Soll ich stolz sein, nur weil es mich aus irgend­welchen Gründen nicht erwischt hat?

SPIEGEL: In Ihren Büchern geraten Sie am meisten ins Schwärmen, wenn Sie von Ihren Reisen in die entle­gensten Gebiete Pakistans berichten, oft unter Einsatz Ihres Lebens.

Pfau: Ach, in Wirklichkeit fühlte ich mich immer beschützt. Ich hatte stets meinen Schutzengel und zuver­lässige Menschen bei mir, die mir geholfen haben, wenn es brenzlig wurde. Aber es stimmt – das sind die schönsten Erinnerungen. Zwei Wochen zu Fuß durch die Berge im Swat-Tal oder auf dem Weg zu versteckten Lepra-Nestern in Belutschistan, wo sich keiner hin getraut hat. Ich habe das geliebt.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst?

Pfau: Doch. Aber ich hatte eben immer die richtige Begleitung. Es gab da einen Assistenten, Abdullah – ein wunder­barer Mann. Wenn ich ihn am Tag in totaler Einsamkeit gefragt habe, wo um alles in der Welt wir in der Nacht schlafen sollten, hat er nur gesagt: „Fragen Sie mich das, wenn es dunkel wird.“ Und irgendwo sind wir immer unter­ge­kommen. Ob bei einem Hirten im Zelt oder im Haus eines miss­ge­launten Stammesführers. Wir haben an den unmög­lichsten Stellen geschlafen. Eine groß­artige Zeit.

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Sie hat dort seit mehr als fünfzig Jahren nach Kranken gesucht und erfolg­reich Hilfe geleistet.

 
 

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